
Warum Selbstmitgefühl ein zentraler Teil elterlicher Führung ist ?
Ein Turm, der einstürzt … und was sich dahinter wirklich abspielt
Unsere beiden größeren Kinder bauten im Wohnzimmer einen Turm. Unser Sohn, der Ältere der beiden, nahm seine Rolle sehr ernst. Sorgfältig setzte er Stein auf Stein, prüfte immer wieder das Gleichgewicht und begann von vorn, wenn der Turm sich neigte. Man spürte, wie wichtig es ihm war, dass dieser Turm stehen blieb – dass er ihm gelang. Seine Schwester fügte voller Begeisterung weitere Steine hinzu, ein wenig ungeschickt. Dann, als sie noch einen Stein oben draufsetzen wollte, passierte das Unvermeidliche. Der Turm fiel um.
In einer Sekunde spannte sich sein ganzer Körper an. Sein Gesicht verhärtete sich. „Das ist deine Schuld! Mit dir macht Spielen sowieso keinen Spaß!“, rief er. Und im selben Moment, getragen von seiner Wut, stieß er sie weg. Sie fiel zu Boden. Sie begann zu weinen. Seine Wut überwältigte ihn.
Doch unmittelbar danach veränderte sich etwas. Sein Blick erstarrte. Er trat einen Schritt zurück und rannte aus dem Zimmer – offenbar erschrocken darüber, was gerade passiert war.
Ich ging zuerst zu meiner Kleinen, um sie zu beruhigen, und anschließend nach oben zu meinem Großen, der sich in sein Zimmer zurückgezogen hatte.Er schrie nicht mehr, aber ruhig war er auch nicht. Es wirkte, als würde er von einem Gemisch aus Wut, Traurigkeit und Reue durchzogen. Ich setzte mich neben ihn.
„Möchtest du mir erzählen, was passiert ist?“
Er erklärte mir, dass seine Schwester mitbauen wollte und der Turm dann umgefallen war.
„Wie hast du dich gefühlt, als der Turm eingestürzt ist?“
„Wütend.“
Ich bot ihm eine andere Perspektive an.
„Wenn du diesen Turm mit mir gebaut hättest und du ihn aus Versehen selbst umgeworfen hättest – wie hättest du dich gefühlt?“
Er überlegte kurz.
„Traurig.“
„Glaubst du, dass deine Schwester im Moment auch traurig ist?“
Er nickte.
„Ja … aber ich wollte nicht, dass sie traurig ist. Sie hat es nicht absichtlich gemacht. Ich habe sie geschubst, weil ich wütend war.“
Ich erinnerte ihn an etwas, das er gut kennt.
„Manchmal kommt Wut sehr schnell. Sie ist schneller da, als wir Zeit zum Nachdenken haben. Das passiert mir auch.“
Er schaute mich an.
„Erinnerst du dich an Momente, in denen ich die Geduld verliere und dich anschreie? Was mache ich danach?“
„Du kommst wieder… und sagst, dass es dir leid tut“, murmelte er.
„Genau. Denn wütend zu sein ist menschlich. Aber wir tragen Verantwortung dafür, was wir mit dieser Wut tun. Und wenn ich eine Grenze überschreite, komme ich zurück und versuche, es wieder gutzumachen.“
Ein paar Sekunden lang schwieg er. Dann stand er auf.
„Ich gehe zu ihr.“
Ohne Scham und ohne sich selbst zu verurteilen ging er nach unten zu seiner Schwester. Was ich gerade erlebt hatte, war nicht nur ein gelöster Konflikt. Es war ein stiller Lernmoment. Einer dieser Momente, in denen Kinder nicht durch Erklärungen lernen – sondern durch das, was sie beobachten. Ein Kind lernte gerade, sich selbst nicht zu verurteilen, weil es die Kontrolle verloren hatte.
All die Momente hat er beobachtet. All diejenigen, in denen auch ich die Geduld verloren habe – und mich danach entschieden habe zurückzukommen und die Beziehung wieder zu stärken, statt mich selbst zu verurteilen oder mich in Schuldgefühlen zu verlieren. So hat er gelernt, dass man sich Fehler eingestehen kann.
Heute frage ich mich oft, wie viele von uns damit aufgewachsen sind zu glauben, dass jeder Fehler eine Strafe nach sich ziehen muss und noch als Erwachsene das Gewicht von Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen tragen.
Genau in solchen Momenten zeigt sich etwas Entscheidendes: Kinder lernen nicht nur aus dem, was wir ihnen sagen. Sie lernen vor allem aus dem, was wir vorleben.
Was uns Selbstmitgefühl lehrt
Die meisten von uns haben – ausdrücklich oder unausgesprochen – gelernt, dass Fehler mit Härte korrigiert werden müssen.
Ein Glas, das aus Versehen umgestoßen wird. Ein Löffel mit Joghurt, der herunterfällt. Und sofort folgen die Vorwürfe: „Das hast du doch extra gemacht! Jetzt bekommst du nichts mehr.“
In solchen Momenten beginnt das kindliche Gehirn nach und nach, einen Zusammenhang herzustellen: Fehler bedeuten Strafe. Fehler bedeuten Beschämung. Fehler bedeuten, klein gemacht zu werden.
Aber was, wenn dieses Modell gar keine Wahrheit ist, sondern einfach eine Gewohnheit, die wir hinterfragen können?
Selbstmitgefühl lädt uns zu einem Perspektivwechsel ein. Nicht das Ausbleiben von Gefühlsausbrüchen verändert ein Kind, sondern die Art und Weise, wie ein Erwachsener ihm hilft, mit ihnen umzugehen.
Wir können Fehler machen, die Geduld verlieren, eine Grenze überschreiten – und dennoch mit Verantwortung, Ruhe und Klarheit zurückkommen. Wut ist menschlich. Sie ist schnell. Intensiv. Und sie gehört zu uns. Und sie erzählt uns etwas über das, was uns gerade wichtig ist.
Erziehung bedeutet nicht, Fehler zu vermeiden. Erziehung bedeutet zu lernen, mit ihnen umzugehen.
Wenn Schuldgefühle die Oberhand gewinnen, schließen sie uns ein. Wenn Verantwortung uns leitet, öffnet sie einen Weg. Was wäre, wenn ein Fehler kein Versagen wäre, das bestraft werden muss, sondern eine Erfahrung, durch die man hindurchgehen kann?
Mit der Zeit habe ich verstanden, dass Selbstvorwürfe nichts verändern. Der Vorsatz, immer vollkommen ruhig zu bleiben, hat mich nie ruhiger gemacht. Was wirklich verändert, ist die Fähigkeit zurückzukommen und anders zu handeln – nicht aus Angst, eine schlechte Mutter zu sein, sondern aus dem Engagement für die Person, die ich werden möchte.
Kinder lernen weniger aus unseren Worten als aus unserem Verhalten. Sie beobachten, wie wir mit unseren eigenen Fehlern umgehen. Selbstmitgefühl bedeutet nicht Nachgiebigkeit. Es ist eine bewusste Entscheidung.
Die Entscheidung, dass Entwicklung stärker ist als Bestrafung. Wie wir nach unseren Fehlern handeln, lehrt unsere Kinder oft mehr als die Regeln, die wir aufstellen.
Was wir verkörpern – und was unsere Kinder von uns mitnehmen
Unsere Kinder werden sich nicht an unsere Perfektion erinnern. Sie erinnern sich daran, wie wir mit Fehlern umgehen und wie wir als Vorbilder handeln. Denn ein Elternteil, das zurückkommt, Verantwortung übernimmt und versucht, die Beziehung wieder zu stärken, zeigt seinem Kind, dass ein Fehler nicht bestimmt, wer man ist.
Und genau in dieser Fähigkeit, eigene Grenzüberschreitungen in Verantwortung zu verwandeln – ohne Scham und ohne Rückzug – entsteht echte elterliche Führung. Es ist eine innere Haltung. Eine Haltung, die unseren Kindern zeigt, dass Fehler nicht das Ende eines Weges sind, sondern ein Teil einer Entwicklung.
💬 Teilen Sie Ihre Erfahrungen und Gedanken in den Kommentaren – sie können anderen Parents like us helfen.